Jagdsaison

Einst herrschte im Karwendel ein riesiger Greif.

Es war ein mächtiges und gütiges Tier und alle Tiere und Pflanzen folgten ihm.

Selbst der Schnee legte sich erst dann auf die schroffen Felsen und steilen Hänge, wenn er es erlaubte.

Eines Tages sprach ein freches Murmeltier, übermütig vom langen Winterschlaf und dem Herumtollen auf den warmen Wiesen zu ihm.

"Lass mich hier König sein! Ich kenne alle Pflanzen und Tiere besser als du es je vermagst!"

Da erschallte ein greller Schrei durch die Täler und das anmaßende Tier erstarrte zu Stein.
Seitdem sind alle Murmeltiere wachsam und verschwinden unter der Erde, sobald sich auch nur ein Schatten am Himmel zeigt.

 

Es ist Anfang November, die Temperaturen sind zweistellig, vom kurzen Wintereinbruch ist im Karwendel nichts mehr zu sehen.

Unter dem obligatorischen Fahrverbotsschild an der Taleinfahrt hängt nun ein weiteres kleines:

"gilt nicht für Radfahrer bis 31.10."

 

Im Umkehrschluss bin ich hier schon wieder verboten unterwegs...

 

Nach 2 Stunden Fahrt und einer erträglichen Tragestrecke komme ich an einer Jagdhütte vorbei.

Am Zaun hängt schon eine ausgenommene Gams mit letztem Bissen im Maul.

 

Ah! Es ist wieder Jagdzeit im Gamsgebirg!

 

Hätt ich nur eine grelle Warnweste dabei!

So bin ich in schwarz-weiß fast nicht von einer Gams zu unterscheiden.

Ich werd schon nicht als Trophäe über dem Kaminsims enden, etwas verstohlen steige ich weiter.

Der einsetzende Föhnsturm verweigert mir ein sanftes Bett auf der Almwiese und ich suche Deckung auf der Terrasse einer Hütte.

Am nächsten Morgen hat sich der Wind gelegt.

 

Ein herrlicher Steig zieht zunächst über die freien Almwiesen.

Scheint ein begehrter Platz für Gämsen und Hirsche zu sein, wie man an den Hinterlassenschaften unschwer erkennen kann.

Ich muss an den Jäger unten an seiner Hütte denken, der vermutlich gerade den Hang mit seinem Fernglas absucht.

Hoffentlich erkennt er mich als Bergsteiger mit Sperrgepäck.

Der Weg durch die Latschen ist sauber frei geschnitten, weiter oben zieht er über felsiges Gelände, um Richtung Gipfel wieder einfacher zu werden.

Ganz hoch werd ich es heute nicht schaffen.

So steht der Spitz weiterhin auf der Projektliste.

 

Es wird Zeit die Abfahrt zu zünden.

Nach der oberen technischen Passage, folgt ein feiner Singletrail.

 

Auf halber Höhe NOCH ein Jäger mit Fernglas!

Mit seinem feinen, sauberen Lodeng'wand wohl ein Gastjäger aus der Stadt.

Ich grüße freundlich und versuche, ihm nicht die polierten Schuhe einzustauben (was mir nicht gelingen will).

 

Im Talschluss folgt dann eine feine Speed-Abfahrt auf breitem Schotterweg zurück zum Auto.

"Winter! Lass dir noch etwas Zeit!"